Werbung? Manchmal ja. Jeder Mensch braucht Lob und Ermutigung
Petra Werner | 18. August 2010Ich gestehe, dass ich zumeist zu den Leuten gehöre, die die bunten Werbe-Blätter, die sich in meinen Briefkasten verirren, sofort in den Papierkorb befördere. Das schöne bunte Papier! Die vielen schönen Bäume! Dazu die Verlockung, Unnützes zu kaufen oder – besser gesagt – etwas für mich Unnützes. So gebe ich zu, dass Gartenkataloge auf mich, die keinen Garten hat, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Die Anziehungskraft besteht im Traum, wie man Balkon aussehen könnte, wenn diese schönen Abbildungen die Realität abbilden würden und keine Idealvorstellung! Meine Nachbarin Ilse und ich waren sich sicher – wir bestellen nie wieder die teuren, für Balkonkästen nicht geeigneten Pflanzen, aber was passierte? Wieder waren wir den bunten Bildern erlegen und bestellten … Beide. Ich versorgte auch noch Freunde mit Schokoladenblumen, die niemals Blätter bekamen, geschweige denn Blüten oder gar den versprochenen Duft von Schokolade ausströmten. Aber das Warten auf den Duft, der niemals kam…War es nicht eine schöne Zeit? Mir fiel an, dass ich als Dreijährige so sehr von der Abbildung einer Walderdbeere im Zigarrettenbilderalbum meines Großvaters fasziniert war, dass ich sie eines Tages herausriß und in den Mund steckte. Diese Enttäuschung werde ich nie vergessen – manchmal spüre ich ihn noch, den Geschmack von altem, sehr altem Papier. Mit solchen Effekten rechnen die Werbestrategen noch heute. Sie wollen, dass wir losrennen und kaufen, beispielsweise nachts in einem teuren Geschäft auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, dass wir unbedingt einen wunderbaren Füllhalter haben wollen, haben müssen, oder im Supermarkt gleich am Frucht-und Gemüsestand, der mit Buntheit und Duft unsere Sinne aufschließen soll, kräftig zulangen.
Zurück zum Briefkasten: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Bunte Werbung ist nicht nur eine Last, sondern liefert jemand, der sich für den Zeitgeist interessiert, wichtige Informationen. Lernen wir nicht etwas über Gewohnheiten, Moden, das tägliche Leben? Geschichte, Soziologie, Psychologie? Was man spielt, trinkt, wie man sich neuerdings schminkt? Auf dieses “tote Wissen” kann ich verzichten, wird so mancher sagen, aber es ist kein totes Wissen, es ist Zeitgeist, auch wenn er uns nicht immer gefällt.
Außerdem finde ich, dass man ruhig empfehlen sollte, womit man gute Erfahrungen gemacht hat. Menschen haben sich Mühe gemacht und man war zufrieden: Ich habe gerade ein Auto gekauft und es wurde nicht nur ein günstiger Preis für gute Qualität geboten, sondern der Chef des Autohauses Golbeck in Berlin erklärte mir sogar die wichtigsten Neuerungen des Autos und übte sogar mit mir. Es war wie in der Universität (oder meinetwegen der Schule) nur, dass ich diesmal die Studentin war und nicht umgekehrt. Jedenfalls habe ich eine Menge gelernt und bin dankbar. Warum soll man nicht sagen, dass es bei Ullrich am Bahnhof Mohrenstraße, wo ich seit fast 10 Jahren einkaufe, mehrere nette Kassiererinnen gibt, dass es besondereren Spaß macht, zuweilen mit NCL-Schiffen (besonders dann, wenn Benita Bradford vom Guest Service Dienst hat!) zu fahren, wo schöne Kabinen, Freundlichkeit und guter Service auch Einzelreisenden, die sonst immer hinter neben dem Maschinenraum “geparkt” werden, geboten wird? Warum also nicht manchmal sagen, was gut war oder ist?


Perlentaucher





