Petra Werner

Darwin: Die Entdeckung des Zweifels
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Werbung? Manchmal ja. Jeder Mensch braucht Lob und Ermutigung

Petra Werner | 18. August 2010

Ich gestehe, dass ich zumeist zu den Leuten gehöre, die die bunten Werbe-Blätter, die sich in meinen Briefkasten verirren, sofort in den Papierkorb befördere.  Das schöne bunte Papier! Die vielen schönen Bäume! Dazu die Verlockung, Unnützes zu kaufen oder – besser gesagt – etwas  für mich Unnützes. So gebe ich zu, dass Gartenkataloge auf mich, die keinen Garten hat, eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Die Anziehungskraft besteht im Traum, wie man Balkon aussehen könnte, wenn diese schönen Abbildungen die Realität abbilden würden und keine Idealvorstellung! Meine Nachbarin Ilse und ich waren sich sicher – wir bestellen nie wieder die teuren, für Balkonkästen nicht geeigneten Pflanzen, aber was passierte? Wieder waren wir den bunten Bildern erlegen und bestellten … Beide.  Ich versorgte auch noch Freunde mit Schokoladenblumen, die niemals Blätter bekamen, geschweige denn Blüten oder gar den versprochenen Duft von Schokolade ausströmten. Aber das Warten auf den Duft, der niemals kam…War es nicht eine schöne Zeit? Mir fiel an, dass ich als Dreijährige so sehr von der Abbildung einer Walderdbeere im Zigarrettenbilderalbum meines Großvaters fasziniert war, dass ich sie eines Tages herausriß und in den Mund steckte. Diese Enttäuschung werde ich nie vergessen – manchmal spüre ich ihn noch, den Geschmack von altem, sehr altem Papier. Mit solchen Effekten rechnen die Werbestrategen noch heute. Sie wollen, dass wir losrennen und kaufen, beispielsweise nachts in einem teuren Geschäft auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, dass wir unbedingt einen wunderbaren Füllhalter haben wollen, haben müssen, oder im Supermarkt gleich am Frucht-und Gemüsestand, der mit Buntheit und Duft unsere Sinne aufschließen soll, kräftig zulangen.

Zurück zum Briefkasten: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Bunte Werbung ist nicht nur eine Last, sondern liefert jemand, der sich für den Zeitgeist interessiert, wichtige Informationen. Lernen wir nicht etwas über Gewohnheiten, Moden, das tägliche Leben? Geschichte, Soziologie, Psychologie? Was man spielt, trinkt, wie man sich neuerdings schminkt? Auf dieses “tote Wissen” kann ich verzichten, wird so mancher sagen, aber es ist kein totes Wissen, es ist Zeitgeist, auch wenn er uns nicht immer gefällt.

Außerdem finde ich, dass man ruhig empfehlen sollte, womit man gute Erfahrungen gemacht hat. Menschen haben sich Mühe gemacht und man war zufrieden:  Ich habe gerade ein Auto gekauft und es wurde nicht nur ein günstiger Preis für gute Qualität geboten, sondern der Chef des Autohauses Golbeck in Berlin erklärte mir sogar die wichtigsten Neuerungen des Autos und übte sogar mit mir. Es war wie in der Universität (oder meinetwegen der Schule) nur, dass ich diesmal die Studentin war und nicht umgekehrt. Jedenfalls habe ich eine Menge gelernt und bin dankbar. Warum soll man nicht sagen, dass es bei Ullrich am Bahnhof Mohrenstraße, wo ich seit fast 10 Jahren einkaufe, mehrere nette Kassiererinnen gibt, dass es besondereren Spaß macht, zuweilen mit NCL-Schiffen (besonders dann, wenn Benita Bradford vom Guest Service Dienst hat!)  zu fahren, wo schöne Kabinen, Freundlichkeit und guter Service auch  Einzelreisenden, die sonst immer hinter  neben dem Maschinenraum “geparkt” werden, geboten wird? Warum also nicht manchmal sagen, was gut war oder ist?

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Meine Doppelgängerinnen, die Petra Werners

Petra Werner | 23. Juni 2010

Es ist nicht leicht, einen Namen zu haben, den viele tragen. Viele Frauen mit dem Namen “Petra Werner” haben es zu etwas gebracht, wie meine Großmutter gesagt hätte, sind Rechtsanwältinnen, Ärztinnen, Kunsthistorikerinen, Journalistinnen, Judaistinnen geworden, betreiben einen Blumengroßhandel in der Schweiz oder eine Boutique oder einen Kleidermarkt. Eine Petra Werner ist die Tochter eines berühmten Conferenciers, den ich sogar kannte.  Das alles belebt die Phantasie.

Seit einigen Wochen werde ich auf meine schwere Kindheit hin angesprochen. Ich wundere mich. Welche schwere Kindheit? Sie war schön und nur teilweise schwer, schön deshalb, weil meine Mutter mir vieles ermöglicht hat, immer für mich da war, wenn ich ein Gespräch brauchte, weil ich Bücher hatte, Blumen, Freunde. Über den schweren Teil möchte ich öffentlich nicht sprechen sondern nur erwähnen, dass sich, wie schon Hegel wußte, jede und jeder 14jährige seinen/ihren Eltern moralisch überlegen fühlt.

Nun muß ich feststellen, dass meine Biographie mit einem fremden Text kombiniert wurde, denn eine Namensvetterin, die auch Petra Werner heißt, hat ein Buch geschrieben,  das heißt “Jahre, die mein Leben veränderten”, Untertitel “ein schwerer Weg”. Der Text klingt so allgemein wie ein Horoskop – es paßt auf fast jeden Menschen. So ein Buch würde ich nie schreiben und schon garnicht so nennen. Deshalb möchte ich also öffentlich zur Kenntnis geben, dass ich dieses Buch nicht geschrieben, ja, nicht einmal gelesen habe. Ich habe auch keine Bücher über Mädchenhandel, Krankheiten, Männer oder Spinnen geschrieben, obwohl meine Themen durchaus vielfältig waren und sind. Ich, eine Königstigerin, bin auch nicht identisch mit jenen Frauen, die im Netz als “Hauskätzchen” ihre Dienste anbieten und auch “Petra Werner” heißen.

Aber vielleicht sollten sich alle,  die  Petra Werner heißen, einmal treffen. Ich wette, es wird sehr interessant.  Wir könnten bei dem Treffen Bausteine aus unseren Biographien neu kombinieren und so die Öffentlichkeit noch mehr verwirren, wie wir es ohnehin schon tun. Denn schließlich stehen wir Petra Werners alle im Wettbewerb um den Spitzenplatz in der Google-Liste.

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Ricks Café in New York

Petra Werner | 6. Mai 2010

Ich gehöre zu den Passagieren, die eine enge Beziehung zum Flughafen Newark in New York aufbauen durften – ich habe dort, abgesehen von wenigen nächtlichen Stunden in einem überteuerten Hotel – drei Tage verbracht. Dank der Vulkanasche  habe ich alles  kennenlernen dürfen und eine Art von Vertrautheit zu einem mir bis dahin unbekannten Gebäude entwickelt (es soll ja Menschen geben, die im Hotel leben) . Da mein Koffer nicht da war konnte ich mich wirklich frei bewegen  zwischen Gepäckband Nummer 9, wo alle gestrandeten Koffer aller gestrandeten Passagiere zu erwarten waren, einem Raum für Koffer, die schon vom Band genommen worden waren, einer Glaswand, die an ein Leichenschauhaus für Koffer erinnerte, weil man dort (sofern man über 3 Meter groß war) seinen Koffer auf einer der Etagen identifizieren konnte, wenn er denn da war. Dann gab es noch die freundliche Frau, bei der man einen Antrag auf Herausgabe seines Koffers stellen konnte bei der befreundeten Fluggesellschaft, die ihn eigentlich weiterbefördern sollte aber nicht konnte – wegen der Vulkanasche. Auch die mußte regelmäßig besucht werden. Das Zentrum der Macht aber war einer der Schalter, wo man sein Ticket umbuchen konnte/mußte. Als ich die erste Umbuchung erbeutet  hatte (bringen Sie mich irgendwie nach Europa, die Stadt ist egal) erntete ich Hohngelächter der anderen, schon erfahrenen Mitreisenden, die mir ihre verfallenen Bordkarten zeigten. Bald sollte auch ich eine stattliche Sammlung haben. Warteliste oder bestätigte Bordkarte? Bestätigte Bordkarten schränken ein, man setzt sozusagen alles auf eine Karte. Man wurde zum Strategen. Es wurde geflüstert: kommen Sie gleich früh gegen 7 Uhr, denn nachts um 2 Uhr erfahren wir, welcher Luftraum freigegeben wird. Vielleicht Lissabon. Vielleicht Paris? Oder gar Berlin? Es war wie in Ricks Café in Casablanca, wo ein Gerücht eine Option eröffnet, rauszukommen. Es ging zwar nicht ums Leben, aber um die Heimkehr, für die fast jeder einen Grund hatte. Je nach Charakter wurde geflüstert, gedroht (ich bin Beamter und muß nach Brüssel), geprahlt (ich bin Geschäftsmann, Geld ist egal, meinetwegen business class), gejammert (ich muß ins Krankenhaus,  ich habe keine Medikamente mehr). Das mit den Medikamenten betraf leider viele Passagiere.  Irgendwann kam auch mein Koffer und das war ein Fest! Wie einfach ist es, sich selbst eine Freude zu machen!

Am Ende wurde es für mich Lissabon (Warteliste Platz 7) und ich genoß die  Busfahrt über Paris, Brüssel, Köln.  Im Bus – auch dafür mußten die Karten hart erkämpft werden – waren wir alle gleich, Manager, Wissenschaftler, Arbeiter – Gestrandete auf nächtlicher Fahrt.  Die Sekretärin war weit weg, überall lauerten Funklöcher,  die Landschaft zog wunderbar langsam vorbei, noch langsamer veränderte sich die Vegetation. Eine Frau erzählte, wie es zuweilen in Kolumbien ist, wenn es regnet. Dank der Persönlichkeit des tropischen Regens, die sich auf einem Blechdach lärmt, kann man nichts tun – weder arbeiten noch sich unterhalten oder lesen. Da mußte sie lernen, still in einer Hängematte zu liegen und nichts zu tun. Nichts tun, wie ist das? Für mich war die Entdeckung der Übergänge wichtig. Wie muß es gewesen sein, als man mit der Kutsche reiste? Ich kann es nun besser verstehen, bemerkte Pflanzen, die verschwanden – dafür tauchten andere auf. Ab und zu machten wir Rast in einer eine urigen Autobahnraststätte – dort gab es alles, was man als gestrandete Reisende (nicht) braucht: präparierte Stierköpfe, Waffen, Kastagnetten, Schnaps und Bier. Am Ende bot sich noch ein kleiner Einblick in das das Nachtleben von Düsseldorf,  ein wunderbar optimistischer Mann aus Afrika erklärte einer deutschen Betrunkenen das Leben.

Die vielen Menschen, die uns Gestrandeten unterwegs geholfen haben, mögen hochleben, sie haben nicht den Humor verloren. Am Schalter von  Continental Arlines blieb man auch in Krisenzeiten freundlich, ebenso auf den Busbahnhöfen von Paris und Brüssel. Trotzdem war es schön, in Hamburg (man nannte es Gabelreise!) in einen  ICE einzusteigen. Ich habe die Polster befühlt und mich im Luxus gefühlt – wer nicht krumm gelegen hat, schätzt es nicht, gerade zu liegen. Meine Großmutter hatte mal wieder recht.

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Bühne Gendarmenmarkt 3: Sparkassen, ein roter Teppich und vier riesige Schweine

Petra Werner | 16. Juni 2009

Die Freitreppe, die zum Schauspielhaus hinaufführt, war heute  rätselhaft geschmückt: Unten – links und rechts -  sowie oben waren insgesamt vier Sparschweine aufgestellt. Sie waren rotlackiert und so groß, dass man 3-4 erwachsene Männer darin hätte verstecken können.  Sie reckten ihre Rüssel schwungvoll gen Himmel, allzu schwungvoll. Auf den Schweinen stand das Wort “gut”.

Was war gut? Die Finanzkrise? Die Erwartungen der Wirtschaftsweisen? Das Wetter? Das Leben an sich?

Die Sparschweine (ohne Schlitz) waren postiert und das Rätsel löste sich am späten Nachmittag, als vor meinem Bürofenster Lärm ertönte. Die Sparkassen hatten sich getroffen, junge Leute hatten es erfahren. Sie waren mit Transparenten oder in rosa Hasenkostümen erschienen (wiederverwendbar für Streiks gegen die Telekom) und skandierten sehr vernehmlich: Geld für Bildung! Geld für Bildung! Diese Forderung erscheint mir richtig, wenngleich es auch um Umgestaltung geht. Wenn die Abiturzeit verkürzt werden soll, müssen Lehrpläne langfristig umgestaltet werden. Methoden, wie sie beim Glücksspiel üblich sind, sollten aus dem Bildungswesen verbannt werden. Aber eines erscheint mir besonders wichtig: das Maß an Aufmerksamkeit und Fürsorge, das jungen Leuten zuteil werden muß. Jemand, der wie ich gereist ist und nicht mehr jung ist, weiß, dass in manchen Staaten  junge Leute aufwendig gefördert und Defizite ausgeglichen werden. Jeder Einzelne ist wichtig. Zum Beispiel in Australien.

Aber waren die Damen und Herren in Kostümchen und Anzügen die richtigen Ansprechpartner? Sie  liefen mit roten Tüten (passend zu den Sparscheinen und dem roten Teppich, der sonst Künstlern vorbehalten ist) die Treppe hinunter und wirkten in ihren Bewegungen ziellos wie Moleküle in der Brownschen Molekularbewegung. Oder wie Hühner in einem Stall, in den der Fuchs eingebrochen ist oder der böse Wolf.

Nun hatten sie den Zorn auszubaden. Eine Freitreppe ist dafür geeignet. Keiner brachte es fertig, nach allen Seiten zu winken wie ein Superstar. Es hätte so schön sein können.

Die höheren Dienstränge waren bereits in schwarzen Autos davongefahren. Von oben sieht man alles, auch hinter die Kulissen. Am nächsten Morgen wird die Bühne wieder frei sein,  die Schweine weg,  der rote Teppich, die Demonstranten. Humboldt schrieb einmal “Wir leben nicht in trüben, aber ernsten Zeiten.” Was Humboldt sagt, paßt fast immer.

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Alexander v. Humboldt oder: wie rettet man seine Arbeitszeit?

Petra Werner | 12. Juni 2009

Alexander von Humboldt war sehr produktiv und es stellt sich die Frage, wie er seinen Arbeitstag strukturiert hat. Einfache Erklärungen liegen nahe: er hat nächtlich kaum mehr als 4 Stunden geschlafen und behauptete witzelnd, dass der periodische Schlaf in seiner Familie keine Tradition habe.  Trotzdem: er war immerhin Kammerherr des preußischen Königs und mußte dem Monarchen ständig in Berlin, Potsdam und anderswo zur Verfügung stehen, er hat zahlreiche Monographien und Artikel verfaßt, populäre Vorträge gehalten, handschriftlich Tausende Briefe und Gesuche gepinselt, um begabten jungen Leuten, die in Not waren, zu helfen. Nun ja, er ist fast 90 Jahre alt geworden, in so vielen Jahren kommt einiges zusammen.  Gibt es da noch ein anderes Geheimnis?

Ja, sein Drang nach Unabhängigkeit veranlaßte ihn,  Positionen und Posten abzulehnen. Aber wie hat er trotzdem seinen Einfluß geltend gemacht? Über Einzelheiten werde ich am 20. Juni 10:00 Uhr in der Kleinen Synagoge in Erfurt während einer Tagung der Akademie berichten.

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Ölrausch in Aarau

Petra Werner | 15. Mai 2009

Das Naturama in Aarau  ist ein Museum, ein Ort zum Verweilen und etwas über Naturgeschichte zu lernen. Schon Alexander von Humboldt interessierte sich sehr für die Juraformationen, die dortigen Gebirgsketten, Quellen, Alter, die vorkommenden Pflanzen und die Saurierskelette. Das wird jedem klar, der sein Alterswerk “Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung” gelesen hat.

Mit wieviel Liebe und Sorgfalt ist die Ausstellung in dem schönen Gebäude gestaltet worden! Wieviel Geld und Mühe haben Leitung und Berater investiert! Vor meiner Lesung am Abend lief ich dort stundenlang herum, betrachtete alles – neben Altem findet man viel Heutiges. Ich schaute zu, wie junge Leute eine beleuchtete Glaskugel drehten, um auf witzige Wweise zu erfahren, dass man die Zukunft nicht voraussagen kann oder in der Abteilung “Ölrausch” auf Knöpfe drückten, die unter den Porträts von Prominenten angebracht waren. Dort ging es um Energiereserven der Zukunft – auch ein Kleinkind begriff, wass alles aus Öl hergestellt werden kann und wie abhängig wir (noch) sind. Die meisten Museumsbesucher waren Schüler und alles deutete darauf hin, dass sie freiwillig da waren. Sie erzählten mir, wie gut ihre Schule ausgerüstet ist und wieviel Mühe sich die Lehrer mit ihnen machen. Auch über Darwin wußten sie viel. Und was die Knöpfe angeht, so waren sie begeistert darüber, dass man  wählen konnte – nicht jeder war gezwungen, das vollständige Interview mit einem Politiker oder Industrievertreter anzuhören, es gab, wenn ich mich recht erinnere, mindestens zwei Fassungen, eine lange und eine kurze. Was für eine gute Idee!

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Fern von meinem Heimatdorf Stadtmitte

Petra Werner |

Ein Stadtmensch wie ich, verwöhnt durch die Nähe von Theatern, Galerien und Bibliotheken, verläßt nur selten sein Heimatdorf. Meins heißt “Stadtmitte”. Dort gibt es viele Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel kann man Politiker einkaufen sehen – einkaufen mit Frank-Walter, Angie, Guido oder Lothar das klingt doch gut und die Touristen sind begeistert von soviel Normalität.

Ich machte mich also sofort nach der Arbeit auf die Reise und alles schien leicht. Mit jeder S-Bahnstation wurden die Häuser kleiner, die Straßen schmaler, veränderten sich  Landschaft, Düfte, der Ausdruck von Gesichtern.  Auch die Straßenmusiker stiegen aus und man hörte plötzlich die Amseln pfeifen. Eingeladen hatte die Sintenis-Grundschule in Frohnau – mehr als 100 Eltern waren gekommen, nicht etwa, um sich beim Lehrer zu beschweren – nein, im Gegenteil, um über Darwin zu sprechen und sich mit mir zu freuen. Selten habe ich eine so liebevolle Vorbereitung erlebt, die von der Beleuchtung über die Blumenarrangements bis zum Catering reichte, alles paßte. Das beste waren die  Zuhörer, die sich in den Text einlebten und mich durch Klatschen anfeuerten. Der Direktor, ein junger Mann, hatte viel Witz und empfahl mein Buch jenen als Bettlektüre, die die Familienplanung schon abgeschlossen haben. Die Leute sahen allerdings nicht so aus, als wäre da schon irgendwas abgeschlossen – eher im Gegenteil: sie waren offen und wollten genau wissen, was sich Darwin bei seiner Gegenüberstellung “heiraten/nicht heiraten” gedacht hat. Danach wurde gegessen -  ich aber habe Bücher signiert, was viel Spaß gemacht hat. Ich dachte dabei an Brecht, der demonstrativ von jungen Leuten, die er fördern wollte, Bücher gekauft hat. Er nannte das Publikumserziehung. Meist hat es nichts genützt, auch wenn die Leute später berühmt wurden. Bei mir haben die Leute schon jetzt freiwillig gekauft – 40 Stück, was eine Menge ist. Vielleicht lag es auch an Petra Lölsberg, die uneitel ist und kluge Fragen gestellt hat.

Wirklich, man muß nicht in seinem kleinen Dorf  Stadtmitte bleiben. Es macht auch anderswo Spaß.

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Bühne Gendarmenmarkt 2: Jerry Cotton oder “Am Schillerdenkmal ist Schluß”

Petra Werner | 11. Mai 2009

Heute, am 11. 5., wird vor meinem Bürofenster ein Film gedreht. Es ist erst gegen 8:00 Uhr morgens, also eigentlich sehr früh vom Leute vom Film, wenn man ihrem Ruf als Nachtmenschen glauben mag. Zwischen den Säulen des Schauspielhauses hängt eine amerikanische Flagge, eine Menge Leute in khakifarbenen Uniformen stehen wartend herum. Auf Kommando des Regisseurs rennt eine als Journalisten getarnte Gruppe von Schauspielern mit alten Fotoapparaten die Treppe hoch, um einen Mann zu filmen, der gerade aus der Tür des Schauspielhauses geführt wird und sich zum Schein heftig wehrt.  Sie rennen etwa 10 Meter, dann bläst der Regisseur ab.

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Der Mann ist Jerry Cotton, G-Man und New Yorker FBI-Agent. Er soll mit einem Jaguar XK 150 gefahren und mit einer Smith & Wesson und anderen Marken herumgeschossen haben. Ich habe niemals Filme mit Jerry Cotton gesehen. “Sterben will ich in New York”, Nichts ist spannender”, ” Ich jagte den Diamanten-Hai”. In meiner Kindheit kam soetwas nicht ins Haus.  Nun kann man meiner Mutter vorwerfen, kleinkariert zu sein, aber irgendwie gibt mir zu denken, dass das FBI hat verlauten lassen, dass sich hinter der fiktionalen Figur kein wirklicher ihrer Mitarbeiter verbirgt. Wenn die das schon sagen. Wahrscheinlich ist der künstliche Jerry Cotton nicht gut genug. Wahrscheinlich hat das alles mal wieder nichts mit dem Leben  zu tun.

Draußen rennen sie wieder auf Kommando. Immer dieselbe Szene. Es ist wie bei “In 80 Tagen um die Welt”, was auch vor meinem Bürofenster gedreht wurde. Eiserne Disziplin bis in die kleinste Bewegung. Es sieht alles sehr militärisch aus. Künstlicher Nebel und künstlicher Schnee werden verteilt. Es riecht nach Brand. Mir fällt  ein, wie vor Jahren bei einem richtigen Feuer schwarze Rußflocken über den Gendarmenmarkt wirbelten.  Filmen ist harte Arbeit. Da rennen sie wieder. Wieder und wieder. Aber:  Friedrich Schiller mit seinem marmornen Standbild ist wie immer im Wege. Genau hinter seinem Rücken ist Schluß, die Stampede kommt zum Stehen. Hier beginnt das wirkliche Leben.

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Bühne Gendarmenmarkt

Petra Werner | 29. April 2009

Neulich wurde auf der großen Bühne vor unseren Büros, auf dem Gendarmenmarkt, ein runder Tisch aufgebaut. An ihm versammelten sich Bauern, die schimpften. Ich schrieb gerade an einem Vortrag. Wörter wie Molkerei, Milchpreise, Schande vermischten sich für mich mit allem, was Alexander von Humboldt jemals über wirtschaftlich und politisch schlechte Zeiten gesagt hatte. 1856 zum Beispiel konnte eine Neubearbeitung seines Werkes “Geographie der Pflanzen” nicht erscheinen wegen politisch schwieriger Zeiten. Schaut man sich Humboldts Briefe an so wird einem klar, dass die politische Lage zu Humboldts Lebzeiten eigentlich immer schwierig war. Entweder war gerade Revolution oder Restauration, Napoleon fiel ein oder es war die Cholera ausgebrochen. Humboldt blieb gelassen.

Als die Veranstaltung vorüber war, mußte die Kuh, die zur Bestätigung alles von den Bauern Gesagten herbeigeschafft worden war und auch, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erhaschen, auf einen Wagen verladen werden. Es war ein schöner, sonniger Tag und das Tier wollte nicht zurück in die dunklen Wagen. Männer in eleganten Anzügen taten ihr Möglichstes, streuten Stroh, um den Weg angenehmer zu gestalten, schoben von hinten, zogen die Kuh am Schwanz, zogen von vorn. Die Kuh schlug aus, biß zur Seite – am Ende half alles nichts, sie ging dahin, wohin sie die Männer in den eleganten Anzügen haben wollten. Der Abzug der Kuh war der Abgesang, der Fernsehleute und Fotografen nicht mehr interessierte, obwohl erst jetzt Unerwartetes passierte. Wir, die dort arbeiten, wo (sehr wahrscheinlich) Alexander von Humboldt geboren wurde, haben in den letzten Jahren schon vieles auf dem Gendarmenmarkt gesehen – Autos, Rettungshubschrauber, streikende Polizisten, Leute, die interviewt werden und solche, die sich küssen. Musiker und Sänger mit und ohne Feuerwerk, rote Teppiche, Sterne und Sternchen, die sich auf dem roten Teppich drehen und einen Filmpreis entgegennehmen oder einen begleiten, der einen entgegennimmt. Auch der Film “In 80 Tagen um die Welt” wurde hier gedreht und wir lernten, daß etwa 100 schwarz gekleidete Komparsen  auf Kommando stillstehen konnten. Was werden wir demnächst auf dem Gendarmenmarkt sehen? Zirkustiere? Elefanten aus dem Zoo? Kranke in Krankenwagen? Wut und Verzweiflung machen Menschen erfinderisch. Der Gendarmenmarkt ist eine ideale Bühne, steinglatt, ohne Baum, ohne Strauch, mit Treppe, auf der man sich in Reihen aufstellen und sogar singen kann. Nur Friedrich Schiller, auch ein Korrespondenzpartner Humboldts, dessen Denkmal in der Mitte steht, stört irgendwie. Manchmal  wird er mit einer Plane abgedeckt, es klettern Leute auf ihm herum oder er verschwindet hinter einem bayrischen Löwen aus Gips. Humboldt, unser Held, behielt stets den Überblick. “Was ich am meisten fürchte, ist der Ruf der Feigheit”, schrieb er 1854 an den Mathematiker Carl Friedrich Gauß.

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Humboldt und Darwin

Petra Werner | 23. April 2009

Es ist gut, wenn Geburts- oder Todestage großer Forscher dazu genutzt werden, über Wissenschaft nachzudenken. Ein besonders gutes Beispiel für die Verknüpfung alter und neuer Erkenntnisse ist für mich die Darwin-Ausstellung im Berliner Naturkundemuseum . So viele schöne Veranstaltungen finden dort statt! Soviel Frische würde Darwin  freuen und Humboldt sowieso, der stets empfahl, man müsse sich an die Jugend halten. Beide Wissenschaftler haben miteinander korrespondiert und Humboldt hat Darwin sehr beeinflußt – noch 14 Tage vor seinem Tode hat Darwin Humboldts Werke studiert und vom alten Meister viele Anregungen zum Thema “Wanderung von Organismen” (=Migration) erhalten. (Einzelheiten siehe mein Artikel in HIN Nr. 18, S. 67-93). Zugeben muß ich allerdings, dass sich der vierzig Jahre jüngere Darwin zuweilen Gleichaltrigen gegenüber auch despektierlich über Humboldt geäußert hat – er sagte ihm nach, er habe sehr viel geredet.  Aber diese Bemerkung des eher schweigsamen Darwin, der nie Diplomat war und zurückgezogen lebte, war nicht so wichtig – seine Verehrung überwog. Humboldt ist neben Darwin im Naturkundemuseum würdig vertreten – vielleicht nutzt der eine oder andere Besucher die Gelegenheit, in der mineralogischen Sammlung die liebevoll gestalteten Vitrinen mit jenen Gegenständen anzuschauen, die A. v. Humboldt von seiner Rußlandreise im Jahre 1829 mitgebracht hat, darunter wertvolle Mineralien.  Darwin- und Humboldt-Jahr sind 2009 eng verknüpft: Darwin hat 200. Geburtstag und wir feiern den 150. Jahrestag seines Hauptwerkes, das am 24. November 1859 ausgeliefert wurde, Humboldt wurde 1769 geboren, machte 1829 seine Reise durch Rußland und starb 1859.  Darwin sagte über Humboldt:  “I formerly admired Humboldt, I now almost adore him; he alone gives any notion, of the feelings which are raised in the mind on first entering the Tropics”.

http://achdulieberdarwin.blogspot.com/

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